Zur Landtagswahl: Hoch die roten Fahnen. Und die gelben. Und schwarzen. Und …

Der „Superwahlsonntag“ (meine Güte …) ist durch, die Ergebnisse fielen aus wie erwartet und die medialen und sozialmedialen Nachbeben sind in vollem Schwange.

Was mich persönlich dabei am meisten irritiert, sind die Reaktionen in meinem privaten, virtuellen Umfeld. Ich verorte mich persönlich deutlich links, dunkelrot irgendwo zwischen den Farbtöpfen der alten SPD und der pragmatischen Linken. Laut sind die Aufschreie nun, die ich lese – empört und vielfältig in ihrer Stoßrichtung: Die einen beschimpfen die AfD-Wähler je nach Grad zugemessener Eigenschuld als Schafe, Idioten, Rassisten oder Nazis; die anderen gehen die AfD direkt an, entweder als Nazis im Bürgerpelz, braune Rattenfänger oder „nur“ als tumbe, heimatverliebte Idioten, die den Gang der Welt nicht verstehen. Immer wieder gern genommen ist jedenfalls der Vergleich mit den späten 1920er und den frühen 1930er Jahren, gleichzeitig wird auch immer wieder Bestürzung und Verwunderung kundgetan, wo die alle plötzlich herkommen und vor allem warum.

Das wundert mich schon sehr, denn da tritt zweierlei mit dem selben Resultat auf: Unreflektiertes Schönwetter-Linkssein und betonköpfiges Retrolinkssein. Beides ist unschön.

Die Bundesrepublik war nach 1970 immer angenehm linksfreundlich. Schwarze Kanzler, Landserheftchen neben den Schleckmuscheln und die allgegenwärtige Jägerzaunidylle haben daran im Kern nichts geändert. Das nationalkonservative und völkische Milieu war abgetaucht, die Mission der Union, rechts neben sich nichts zuzulassen, hat auch den Linken das Leben leicht gemacht. Natürlich hat so mancher aufrechte Sozialist im Westen schwer unter Vorurteilenund teilweise auch beruflichen Repressionen zu leiden gehabt, aber spätestens 1990 war der Junge-Union-Schüler die Witzfigur und der abgerissene Langhaarige an den Schulen wenn nicht die Norm, so doch Teil der Normalität. Die Republikaner, die DVU, die BPD – Witzfiguren, Lachnummern, kleingehalten durch den Nachkriegskonsens der alten BRD.

Aber wer wirklich geglaubt hat, dass das ein Endzustand hätte werden können, hat sich immer etwas vorgemacht. Historisierung ist ein Generationenprojekt, und der Blick ins europäische Ausland hat immer klar gemacht, dass das nationalkonservative und völkische Spektrum mitnichten 1945 einfach den Dienst quittiert hat. Auch in Deutschland war es immer nur eine Frage der Zeit, bis am rechten Rand wieder ein Partei erstehen würde, die dieses Spektrum abdeckt. Nun ist sie da – keineswegs überraschend, wenn man sich mal mit dem politischen Ton und Vorstellungswelten so mancher CDU/CSU-Stammtische in den 1980er Jahren befasst. Da war „der Kanake“ oft nicht weniger Stammgast als heute auf der blauen Wiese. Fast 100 Jahre lang waren Konservatismus und Reaktion, Patriotismus und Nationalismus, Militarismus und Patriarchat die Leitlinien in Deutschland, bis der berühmt-berüchtigte Zeitgeist aufgrund historischer Umstände für einige Jahrzehnte ins Gegenteil kippte. Aber ihr habt doch nicht wirklich geglaubt, dass damit alle diese Ideen und Werte einfach verschwinden? Also bitte. Aus dem gleichen Grund ist es unredlicher Zweckoptimismus, darauf zu warten, dass die Partei mit dem Abklingen der Flüchtlingskrise wieder verschwindet.

Eine Partei, die mehr Armee, mehr Polizei, weniger Diversität in Sexualität und Kultur, das Erstarken der Religion und des Patriotismus, Staatsmedien und Sicherheit vor Freiheit und so weiter und so fort fordert, wird immer ein Publikum haben, wenn sie einmal aus dem Nebel zwischen rechtem Rand der Union und dem bürgerlichen Teil der NPD herausgetreten ist. Sie ist daher genau so normal wie das Erstehen der Partei „Die Linke“. Wir auf der linken Seite haben auch immer wieder betont, dass es im europäischen Kontext völlig normal sei, dass eine Partei des demokratischen Sozialismus in den Parlamenten sitzt, und dass es eben eine spezifisch deutsche Sonderentwicklung war, dass dem lange nicht so war. Dass das kein Grund zur Sorge und zur Hysterie ist, schon gar nicht für Vergleiche mit der Weimarer Republik oder gar dem Stalinismus.

Und nun betreiben gerade die Linken das gleiche Spiel. Bei allen konkreten Gefahren, die die AfD darstellt, ist es genau so unbegründet-hysterisch, ihr das Existenzrecht abzusprechen, Vergleiche zu Weimar zu ziehen und den Weg in eine neue Shoa zu beschreien.

Was nun wirklich ansteht, ist, Linke Ideen mit Verve und Rückgrat zu vertreten. Gegen Schwarz-Gelb links zu sein war schön einfach, weil man sich letztlich im selben politischen Wellness-Nichtschwimmerbecken bewegt hat: Eine freie, demokratische, reiche Republik, die bei allen Mängeln doch ein wundervolles, bequemes Land war. Kein Vorstoß von CDU/CSU hat die Pluralität, die Freiheit, die Offenheit, die Buntheit dieser Republik wirklich jemals bedroht: Sogar Debatten wie die Leitkultur und „Kinder statt Inder“ waren eklig, aber letztlich nicht wesensmäßig bedrohlich für die Bundesrepublik. Die marktliberalen Eiswinde, ob nun durch Rot, Schwarz oder Gelb, waren traurig, aber handhabbar im Rahmen unseres unendlichen Reichtums.

Die AfD ist wesensmäßig bedrohlich. Nicht, weil „das alles Nazis“ sind. Oder weil „die alle doof“ sind. Die AfD ist gefährlich für Wesen und Konsens dieses Landes. Hier sammelt sich eine politische Überzeugung, die vieles von dem, was dieses Wesen und den Konsens ausmacht, zurückdrehen will – in fiktive Heilsreiche wie die Bundesrepublik vor ’68, das Kaisereich und sicher in vielen Fällen auch in die imaginierte „Volksgemeinschaft“ des Nationalsozialismus.

Hier kommen jetzt die Ideen, die das Land wirklich verändern können: Sicherheit statt Freiheit, Kranke in den Knast statt in Behandlung, LGBT unterdrücken statt leben lassen, mehr Staat, mehr Exekutive, mehr Überwachung; Nationalismus statt Globalität und so weiter und so fort. Das ist keine üble Nachrede, ich tue hier nur das, was die AfD immer will: Ich nehme ihre Aussagen ernst, ebenso wie den eigenen Anspruch, den linken Mainstream und Zeitgeist zu brechen.

Aus meiner Sicht ist all dies Konkrete schon bei weitem gruselig genug, ganz ohne Phantasmen von neuen KZ. Und die Gefahr einer schiefen Ebene DORThin muss jedem Historiker noch dazu klar sein.

Was erwächst daraus für einen Linken? Der Auftrag, diese neue Gruppierung als politischen Gegner (nein, nicht Feind – Carl Schmitt war einer von denen, nicht von uns …) ernst zu nehmen und in jeder Debatte, in jedem Medium politisch zu bekämpfen. Es darf nicht darum gehen, das Phänomen „nicht glauben zu können“, die Wähler zu beschimpfen oder die Debatte zu verweigern. Mit all dem stärkt man nur das gegnerische Lager und entlarvt sich als das politische Leichtgewicht, das man dann ist. Vielmehr muss die Logik sein, die gegnerischen Argumente ernstzunehmen, sie zu verstehen und ihre Überzeugungs- und Lockkraft zu verstehen, und dann BESSERE Gegenangebote zu machen. Diese Gegenangebote können aber nur attraktiv sein, wenn man sie aus einer Position der politischen Selbstsicherheit heraus macht. Überzeugen kann nur, wer selbst überzeugt ist; nicht derjenige, der kreischt.

Und als praktische Lehre der Geschichte erwarte ich jetzt größere Flexibilität bei allen etablierten Parteien untereinander. Anstatt das Ritual des Aufeinander-Herumhackens-aus-Prinzip fortzuführen, das witzig war, als man noch allein war, sollten sich die Parteien der Vor-AfD-Ära nun bei allen Streitpunkten auf ihre Gemeinsamkeit besinnen, nämlich die gemeinsame Verwurzelung in einer dem Wesen nach offenen, freien und bunten Gesellschaft. Nutzen wir das Gejammer der AfDler vom Parteienkartell konstruktiv und lassen deren Vision Wahrheit werden. Ich erwarte künftig Rot-gelbe Koalitionen, schwarz-dunkelrote Koalitionen, grün-schwarze Koalitionen und was der Farbtopf noch so her gibt. Denn lieber schlucke ich Kröten im politischen Alltagskleinklein, statt die Pluralität dieses Landes gegen eine „volksgemeinschaftliche“ Uniformität einzutauschen.

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