Der Ilmtal-Tiger

Momentan herrscht große Aufregung um den Karnevalswagen. der in Oberbayern in Form eines Tigers als „Ilmtaler Asylabwehr“ präsentiert wurde. Das erste Facebookposting, das dazu entstand, habe ich auf unserer Facebookseite verlinkt, und es hat eine enorme Reichweite entfaltet.

Ilmtal

Wir haben auch Kritik für diese Verlinkung erhalten, und eine sehr energische Mail warf uns vor, wir würden uns durch mangelnde politische Stellungnahme und pseudowissenschaftlichen Lack beim Posting mit den menschenverachtenden Forderungen nach Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge gemein machen. Ich habe mir für die Antwort viel Zeit genommen, und weil viele prinzipielle Überlegungen darin enthalten sind, verlinke ich den Text hier noch einmal:

„Das Posting ist kein Betriebsunfall, sondern Teil einer Facebookstrategie, die wir seit einigen Jahren mit großem Erfolg betreiben – und die sich nicht um sensationalistisches Clickbait dreht, sondern tatsächlich Vermittlung von Inhalten zum Kern hat. Lassen Sie mich ein wenig ausholen, um das Ganze erklären zu können.

Für mein Konzept des Museums gehören kulturhistorische Aspekte wie Symbolik und Wirkungsgeschichte immer mit zur Geschichte eines Panzers. Das Panzermuseum arbeitet seit Jahren hart daran, die Qualität eines unkritischen, begehbaren Panzerquartetts hinter sich zu lassen. Wir wollen einen multiperspektivischen Blick auf den Panzer und seine Geschichte werfen, der neben Technik, Organisation und Einsatz auch „weiche“ Aspekte umfasst – also die ganze Bandbreite von Kultur- und Sozialgeschichte, Politik und Wirtschaft, Alltags- und Mentalitätsgeschichte. Dazu gehören natürlich auch die symbolische Aufladung von Panzern: Sei es der Mark-Panzer, der seinen Weg als Allegorie auf den Drachentöter Georg auf ein britisches Kirchenfenster findet,  sei es der T-34, der den einen als Symbol der Befreiung und den anderen diametral entgegengesetzt als Symbol der Unterdrückung gilt und so weiter und so fort. Wenn ein Tiger es dann als Symbol 2016 wieder in die deutschen Medien schafft, ist das grundsätzlich erstmal von Interesse für das Haus. In 20 Jahren müsste sowas in einer Kulturgeschichte des Tigers auftauchen, genau wie bereits heute der Film „Lebanon“ bspw. in einer Kulturgeschichte des Merkava auftauchen muss. Dieser Mechanismus ist erstmal unbenommen von ethischen und politischen Beurteilungen des Inhaltes dieser Umdeutung. Museen müssen solche Themen mit Distanz behandeln; nur so wird es möglich, bspw. Propagandamaterial der NSDAP zu zeigen. Der ausstellerische Kontext muss bei solchen Objekten einhegen und Interpretationsangebote an die Besucher machen, aber auch diese dürfen nie in „Überwältigungspädagogik“ (Beutelsbacher Konsens) abgleiten, so schwer das oft auch fällt.

Wenn diese Logik bei historischen Objekten (hoffentlich) noch leicht nachvollziehbar erscheint, müssen an dieser Stelle zwei Gegenargumente kommen: Erstens ist der Ilmtal-Panzer Tagespolitik und nicht historisch, zweitens bietet Facebook nicht jene Einhegung, die eine Ausstellung als Sicherheitsnetz bietet und braucht – zwei wichtige Punkte. Zur ersten Frage: Museen sind durch ihr Selbstverständnis angehalten, tagesaktuelle Bezüge zu ihren Themen aufzuwerfen. Dieser Ansatz soll die Relevanz der historischen Sammlung für die gegenwärtige Gesellschaft verdeutlichen und (im Idealfall) die Besucher dazu bringen, in den Museen vielleicht sogar Antworten auf tagesaktuelle Fragen zu finden.  Der zweite Teilsatz mag überoptimistisch sein (ich zumindest bin da eher skeptisch), der erste ist meiner Meinung tatsächlich einschlägig: Museen sind Schatzkammern, aber sie müssen von potentiellen Besucher auch als in irgendeiner Form relevant für ihren Alltag erkannt werden, und zwar aus zwei Gründen: Erstens als ein Ort, der es wert ist, Zeit  in ihn zu investieren, und zweitens als ein Ort, an den man mit offenem Geist und Fragen geht. Letzteres ist für Militärmuseen entscheidend, weil sie sonst Gefahr laufen, zu unkritischen Glorienschreinen und Ruhmeshallen zu werden. Das dürfen sie aber nicht werden, genau so wenig, wie sie (wie oben skizziert) in das Prinzip der Überwältigungspädagogik verfallen dürfen. Daher steht der Ilmtal-Tiger in einer langen Reihe von Postings, die den Panzer in verschiedensten, aber aktuellen Kontexten gewahr machen. Diese reichen von unterhaltsam bis erschütternd:  Seien es Fotos von Einsätzen von Polizeipanzerwagen bei Demos in Deutschland, seien es Gefechtsvideos aus Syrien, seien es Panzerwracks, die in Afganistan zu Kunstobjekten im öffentlichen Raumumfunktioniert werden, seien es eigentlich völlig veraltete Panzer, die als Machtmittel lokaler Warlords in Afrika immer noch Macht enfalten, seien es werberische Verbrämungen des Panzerthemas und und und.  Das zu etablieren, war ein harter Weg. In den ersten Monaten und Jahren gab es oft kein Verständnis und nicht selten Hohn und Spott für unseren multiperspektivischen Ansatz. Das hat sich mittlerweile sehr geändert und führt zum nächsten Punkt:

Denn bisher ist die nur erste Teilfrage beantwortet: Warum dieses tagesaktuelle Thema? Nun zur zweiten: Warum, obwohl die museale Einhegung fehlt? Museen verstehen sich als Orte, an denen durch Diskussion und Kontroverse aktiv das Geschichtsbild  geformt wird.  Wieder und wieder findet sich in der museologischen Literatur die Idee des Museums als Diskussionsforum, als Marktplatz der Ideen und Interpretationen. Die Besucher sollen im Dialog mit der Ausstellung (und ggfs. MuseumsmitarbeiterInnen), vor allem aber auch im Dialog untereinander ein Thema kritisch erschließen. Unsere Facebookpräsenz bildet diesen Anspruch ab: Wir als Museum stellen Themen zur Diskussion, die Besucher nehmen sie zu Zehntausenden zur Kenntnis und (hoffentlich wenigstens noch zu Tausenden) denken und reden darüber, und sie diskutieren sie zu wenigen Hundert online auf unserer Facebookpräsenz. Anfangs haben wir hier noch stark eingreifen müssen, weil die Diskussionen sehr roh, oft ohne jede Form geführt wurden, und weil sie oftmals enorm einseitig waren: Sehr unkritisch in allen Belangen, sei es nun zu Fragen von Moral und Ethik, von Krieg und Frieden, von Tod und Leid, von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik usw. Wir haben lange eine sehr strikte Moderation durchgeführt, um das aufzufangen – und das mit Erfolg. Mittlerweile haben wir eine sehr große Zahl von Facebookfans, die sich auch in den Diskussionen ausdifferenziert. Politische Überzeugungen gehen durch das gesamte Spektrum, kulturelle und soziale Prägungen sind sehr vielfältig geworden. Durch die Etablierung einer gewissen Diskussionskultur, die Verbreiterung der Diskutantenbasis und die über Jahre  hinweg etablierte und mittlerweile akzeptierte Praxis der Beleuchtung des Panzers in kulturellen und sozialen Kontexten, haben wir eine sozial-mediale Einhegung geschaffen. Das führt dazu, dass wir mittlerweile Diskussionen weitgehend laufen lassen können, weil es inzwischen Diskussionen SIND. Denn wenn Sie sich die Kommentare zum Ilmtal-Tiger ansehen, dann werden Sie feststellen, dass da tatsächlich darüber gestritten wird, ob oder ob nicht die symbolische Nutzung eines Panzers allgemein  und ganz speziell des Tigers als symbolisch bereits enorm aufgeladenem Fahrzeug „natürlich geht“ oder „gar nicht geht“. Das sind genau die Diskussionen, die man sich wünschen muss, und die sich in der Sache nicht von denen unterscheiden, die dann später in den Kommentarspalten von Zeit online und Spiegel online geführt wurden.  (In der Form schon, aber das ist ein Problem des Mediums Facebook.) Und genau diese Diskussion um die spezifische Teilfrage, was die Menschen über die symbolische Nutzung ausgerechnet eines Tigers ausgerechnet in diesem Kontext denken, wollten wir als Teil der social-media-Facette unserer Bildungsarbeit anstoßen – und haben wir erfolgreich angestoßen. Ich hatte ein viel stärkeres Abgleiten in die politische Diskussionen rund um die Flüchtlingsfrage selbst erwartet, daher auch die strikten Regeln im Startpost. Aber wie sich herausstelle, hat die Einhegung auch bei diesem Thema weitestgehend funktioniert; debattiert wurde die Symbolkraft des Panzers, die Freiheit und Grenzen von Karneval, die Frage nach Meinungsfreiheit allgemein, die Waffengebrauch-Debatte um Frauke Petry. Die Diskussion hat also genau die Bedeutungsebene auch freigelegt, die Sie in Ihrer Mail gefordert haben.

Ihr Wunsch, den ganzen Vorgang deutlich zu verurteilen, kann ich als politisches Individuum mit Herzblut nachvollziehen. Als Person, die sich politisch im dunkelroten Grenzgebiet zwischen (alter) SPD und der Linken verortet, ist es für mich persönlich nie leicht, mich zurückzuhalten, wenn es um die Moderation solch aufgeladener Themen geht.  Als Institution sieht die Sache allerdings anders aus. Museen sollen Stellung beziehen und Meinungen haben, und auch die Verankerung in und die Verteidigung der FDGO, um diesen Klassiker zu nutzen, ist für uns wichtig.  Allerdings ist hier wieder das Prinzip des Überwältigungsverbotes einschlägig und Quantität und Qualität der Positionierung ist entscheidend, um nicht kontraproduktiv zu wirken. So lassen wir es beispielsweise nicht zu, dass (für uns einschlägig) die Legende der „sauberen Wehrmacht“ wiederbelebt wird – an dieser Stelle sehen wir ein Eingreifen als angezeigt an. Wenn allerdings User eine allgemein unkritisch-glorifizierende Meinung zur Wehrmacht haben, so kann es im Sinne der Pluralität nicht unsere Aufgabe sein, das jedes Mal kommentierend gerade zu rücken. Hier würden wir zu Recht als aufdringliche Umerzieher wirken; wir müssen also vielmehr mit einer fundierten und überzeugenden Mythendekonstruktion rund um die Wehrmacht dagegenhalten und hoffen, den einen oder anderen unter den Glorifizierern zu erreichen. Beim Ilmtal-Tiger liegt die Sache meines Erachtens ähnlich: Das DPM kann und muss die Verwendung des Tigers thematisieren, weil es nach oben genannten Kritierien zu unserer Arbeit gehört; eine umfassende Interpretation und anschließende Wertung als Haus würde unseren angemessenen Aktionsradius überschreiten – und so auch Widerwillen bei manchen auslösen, der dem Ilmtal-Tiger selbst kritisch gegenüber steht. Was wir leisten können, müssen und auch schon seit Jahren leisten, ist den Tiger als mythenbeladenes Symbolfahrzeug der Wehrmacht zu identifizieren und ihn, wie auch alle übrigen Fahrzeuge der Wehrmacht, die wir ausstellen, in den Kontext von Holocaust und Angriffskriegen, Zwangs- und Sklavenarbeit und Verbrechen der Wehrmacht einzuordnen – und so das Lager derer zu vergrößern, die (vielleicht ja sogar durch unsere Arbeit angeregt) autonom zum Urteil kommen: „Geht gar nicht“.

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DA KRIEGSCH PULS!

Folgenden Text habe ich soeben über unser Facebook veröffentlicht. Lag mir ECHT am Herzen. Das Ding ist mit heißem Herz getippt worden – in Facebook editiere ich die Tippfehler nach und nach raus. 😀

Liebe Fans,

ich bin Ralf Raths, Direktor des Deutschen Panzermuseums.

Ich richte heute persönlich ein paar Worte an Sie: An unsere treuen Fans, die „Hardcore-User“, die Facebook-Community, aber auch alle anderen, die sich für das folgende Thema interessieren – also ganz allgemein, wie die Briten es so schön sagen: To whom it may concern. Angesprochen mag sich hier im Folgenden jeder fühlen, der dies möchte.

Es ist mir ein Anliegen, ein Thema anzuschneiden, das mich schon seit einigen Jahren umtreibt: Im Museumsalltag, auf Konferenzen, in Gesprächen mit Kollegen, Besuchern, Freunden, aber auch in vielen anderen Kommentaren zu etlichen Postings in den letzten Jahren, und ganz aktuell besonders wieder in den Kommentaren zum NP-Bericht heute, sind immer wieder die zwei gleichen Argumente vorgetragen worden. Sie lauten sinngemäß:

„Typisch, wenn man sich für Waffen interessiert, ist man gleich wieder Nazi/Idiot/Verbrecher!“

oder

„Die Idioten! Keine Ahnung vom Thema, aber rumlabern!“

Das ist Selbstmitleid, das 2015 nicht mehr nötig ist! Lange Zeit war Militärgeschichte in Deutschland das Schmuddelkind, traf auf Ablehnung und Hohn, auf Spott und Herabwürdigung. Das ist richtig. Das war hart. Aber diese Zeiten sind vorbei; es wird stetig besser.

Allein das DPM zum Beispiel wird in der Welt und der taz gleichermaßen, bei RTL und NDR, bei Deutschlandradio und allerorten positiv wahrgenommen UND dargestellt. In der Fachwelt hat das Haus einen guten Ruf, unsere Artikel werden veröffentlicht und unsere Mitarbeiter zu Vorträgen eingeladen, und die Besucherzahlen sind für ein Museum mitten in der Heide ENORM. Niemand stellt uns oder unsere Besucher in „die braune Ecke“. Militärgeschichte allgemein wird immer salonfähiger, es gibt immer mehr Bücher, Fernsehsendungen und Konferenzen zum Thema und ganz allgemein sind die Befindlichkeiten des Kalten Krieges drastisch auf dem Rückzug. Auch Herr Nebendahl in der NP hat die Arbeit des Museums ausdrücklich begrüßt und befürwortet; diskutiert haben wir nur über EIN Detail EINER Werbekampagne. Das ist doch kein Problem. Wir sind eines der bestbesuchten Museen der Republik und locken mit unseren Events Zahntausende in die Heide. „Nische“ sieht nun wirklich anders aus.

Natürlich müssen wir immer noch mit Vorbehalten, mit Skepsis, mit hochgezogenen Augenbrauen und spöttisch verzogenen Mundwinkeln, dummen Sprüchen und Witzen umgehen. Aber das geht Fans andere Themen und Objekte oft nicht anders. Insgesamt wird es seit einem Vierteljahrhundert Jahr für Jahr besser für uns!

Und trotzdem ist es ein Trend bei Fans von Militärtechnik und -geschichte, es sich trotzdem selbstmitleidig in der Opferrolle bequem zu machen und zu jammern, wie alle immer ungerecht und gegen sie seien: Die Grünen, die Linken, der Zeitgeist, die Medien und wahrscheinlich auch der Papst, Apple und der Weihnachtsmann. Gerade in den sozialen Medien wird gejammert, gemeckert und gezetert, dass es nur so kracht.

Es ist wirklich entnervend und peinlich, wie da oft ohne Rückgrat und Diskussionswillen ein bequemes Schneckenhaus bezogen wird und mit Bunkermentalität jede Debatte mit Leuten vermieden wird, die man ja auch mal ÜBERZEUGEN könnte. Gleichzeitig werden dann oft Beleidigungen und abwertende Sprüche in die Richtung derer abgesetzt, die der Militärgeschichte noch nicht viel abgewinnen können.

Meinen Sie denn, das DPM hat die Klischees über sich durch so ein Verhalten entkräftet? Meinen Sie die Leute aus den Stiftungen, aus den linken Parteien und Gruppen, aus den Kirchen und dem Kulturbetrieb hätten das Panzermuseum automatisch ins Herz geschlossen? Meinen Sie denn, die sind von sich aus und gerne ins Museum geströmt, um uns mal besser kennen zu lernen? Am besten noch, weil wir auch in Selbstmitleid über ihre Ungerechtigkeit zerflossen sind und gejammert und gemeckert haben? Oder gar, weil wir sie beleidigt haben?

Nein, das DPM hat sich einen guten Stand erarbeitet, weil wir immer und immer wieder erklärt haben, das gute Militärgeschichte WICHTIG ist; dass sie sachlich und wissenschaftlich betrieben werden kann; dass sie faszinierend und facettenreich sein kann; dass sie lehrreich und erkenntnisfördernd sein kann; dass man sie reflektiert und in angeregter Diskussion betreiben kann.

So überzeugt man Menschen, und so sollten Interessierte an Militärtechnik und Militärgeschichte in der Öffentlichkeit verhalten, wenn sie auf Kritik stoßen: Freundlich, offen, konstruktiv, ÜBERZEUGEND. Ganz egal, ob diese Öffentlichkeit real ist (Freundeskreis, Kneipe) oder digital (Facebook, Foren).

Das bockige Rumzicken und Beschimpfen, die Beleidigungen und dummen Sprüche – das ist doch alles Wasser auf die Mühlen derjenigen, die behaupten, Militärgeschichte sei ein Thema für simple Gemüter, die einfach nur Waffen geil finden wollen.

Nicht nur verbessern wir mit so einem Verhalten nichts, wir stoppen sogar einen für uns positiven Trend, weil Menschen, die unsere Facebook-Seite entdecken, von dieser selbstmitleidigen Bunkermentalität abgeschreckt werden. Es mag den Usern so vorkommen, also würden sie damit Stärke und Rückgrat zeigen, aber für den „Rest der Welt“ stellt das die Militärgeschichtsfans als genau die diskussionsunfähigen Jammerlappen da, die beweisen, dass die Beschäftigung mit Militärgeschichte nichts bringt.

Beweisen wir das Gegenteil! Zeigen wir, wie spannend und interessant, wie facetten- und lehrreich Militärgeschichte sein kann. Zeigen wir, dass das Beschäftigen mit historischem Krieg und Militär eine sinnvolle Beschäftigung ist.

Bitte teilen, kopieren und verschicken Sie dieses Posting so oft Sie möchten in Ihre militärhistorischen Freundeskreise, in Foren, Clans, Reservistenkameradschaften, wohin auch immer. Stoßen wir eine Diskussion an. Diskussion tut nicht nur Not, sie tut auch gut!

Mit besten Grüßen

Ralf Raths
Direktor

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Panzer, Politik und Mordaufrufe – ein Drama in zu vielen Akten

Museen sind Orte der Identitässtiftung. Diese Funktion können sie sehr intensiv und offensichtlich haben, wenn zum Beispiel ein Heimatmuseum die regionale Identität geradezu im Alleingang konstruiert oder wenn ein Regimentsmuseum die Geschichte dieser Einheit gezielt glorifizierend darstellt. Oftmals ist diese Funktion aber viel hintergründiger und subtiler; sie wird von den meisten Besuchern nicht einmal wahrgenommen. Beim Panzermuseum ist Identitätsstiftung nicht unbedingt das erste, woran die Leute denken. Mehr noch, derlei politische und kulturelle Aufgaben werden dem Museum sogar aktiv abgesprochen. Wieder und wieder wird verlangt, dass das DPM doch bitte „reine Technikgeschichte“ zeigen solle, weil Panzer und Politik nichts miteinander zu tun hätten – und zwar weder historisch noch aktuell. Weder haben politische, soziale oder kulturelle Aspekte der bspw. Wehrmacht thematisiert zu werden, noch bestehe irgendein Grund, das gar mit der heutigen Zeit zu verbinden und Fragen nach Verantwortung und Identität zu stellen.

Diese Forderung ist natürlich ironischerweise an sich schon eine erinnerungspolitische: Denn kritische Erörterung birgt immer die Gefahr, dass selektive Wahrnehmung gestört und/oder Mythen dekonstruiert werden; dass das wohligweiche Geschichtsbild durch unangenehme Fakten gestört wird. Dass die Planung für den „Sichelschnitt“ eine strategische Notlösung war, die viel Glück nötig hatte und von der Führung mehrheitlich als suizidal betrachtet wurde, statt einer aus freier Wahl entschiedene operative Meisterleistung, stößt vielen Besuchern bspw. sauer auf. Hier zeigt sich bereits, dass unser Museum mit seiner thematischen Aufhängung auf der nationalen Ebene und seiner per definitionem politischen Natur also sehr wohl auf dem Feld der Identitätstiftung tätig ist: Die nationale Identität wird hier ebenso berührt wie die militärisch-historische – und übrigens oft auch die familiäre, wenn Opa im Krieg dabei war, aber das nur nebenbei.

Nun sind das passive Mechanismen, die den meisten Leuten kaum bewusst sind. Sie können von statten gehen, WÄHREND gefordert wird, das Panzermuseum habe mit Politik nix zu tun und Panzer und Armeen könne und müsse man rein militärisch betrachten. Ein aktueller Vorgang zeigt aber, dass genau diejenigen, die den Konnex von Panzern und Politik verleugnen, ihn auch aktiv herstellen, wenn’s grad in die Agenda passt – und das auf ausgesprochen unappetitliche Weise.

In Heikendorf haben die Behörden im Keller eines Privatmannes einen Panther entdeckt. Das Gelände wurde aus ganz anderen Gründen durchsucht, aber so einen Panzer übersieht man nun mal schlecht. Obwohl der Besitzer beteuerte. der Panzer sei demilitarisiert, wurde das Fahrzeug wie jeder andere zweifelhafte Fund behandelt: Er wurde zur Prüfung mitgenommen. Gut, der Vorgang ist etwas aufwändiger als bei der Konfiszierung eines Messers oder einer Pistole, aber das Prinzip bleibt nun mal das Gleiche, ob nun mit Beweisstückbeutel oder Tieflader.

Wir haben Berichte über diesen Vorgang natürlich verlinkt und faszinierende Aufrufzahlen erreicht – fast 150.000 erreichte Personen ist RekordPanzer0

Faszinierend sind nun natürlich die Kommentare, zum jetzigen Zeitpunkt irgendwas um die 400 Stück. Grundsätzlich gibt es nur homöopathische Dosen von Verständnis für das Vorgehen der Behörden. Der Aussage des Rechtsanwaltes des Sammlers, der Panzer sei demilitarisiert, wird im Regelfall kritiklos und frei von Sachkenntnis und konkretem Faktenwissen Glauben geschenkt – und der daraus resultierende Schluss ist naheliegend: Der Mann ist ein Held – also der Sammler, nicht der Anwalt. Weil der „arme“ „alte“ „gute“ (alles genutzte Adjektive) Mann ja offenkundig alles richtig gemacht habe, ist es ganz klar eine reine Schikane des Staates, was da vor sich geht. Die Bundeswehr als Handlanger habe sich dabei doppelt zu schämen, dieser Stütze der Gemeinde „seinen ganzen Stolz“ (Zitat andernorts in den Kommentaren) zu rauben.

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Wir sind also direkt in der politischen Diskussion um den Panther – die es ja eigentlich nicht geben dürfte. Denn mit der Feststellung der staatlichen Unterdrückung geht natürlich auch eine Analyse der Gründe einher.

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Nun allerdings trennen sich die Fraktionen. Während die einen den „linksfaschistischen Gutmenschen“ und ihrer Naziparanoia die Schuld geben, denken andere Nutzer radikaler und globaler. Für sie ist klar, dass die Regierung schlicht Angst vor Waffen in Bürgerhänden hat und dementsprechend hart durchgreift. Logischerweise schließt sich daran auch der Aufruf zum bewaffneten Widerstand an. Die Milizen in den Bergen Montanas könnten mit diesem Gedanken sicher einiges anfangen.

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Andere wiederum ziehen den ganz großen Aluhut auf und nutzen die Gelegenheit. um das gesamte Reichsbürgergeseier in die Waagschale zu werfen.

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Insgesamt herrscht hier also eine Robin-Hood-Romantik vor: Es ist völlig egal, OB der Mann gegen geltendes Recht verstoßen hat – weil er ein armer, alter, guter Mann war, der doch bloß einen Panzer haben wollte und stets nett überall nett geholfen habe, wird er vom Staat (oder eben nicht) terrorisiert. Eine Schande. Legalität ist hier kein Kriterium, hier wird gleich in die Legitimitätskerbe geschlagen und zwar mit dem ganz groben Beil. Rechtsprechung nach Gefühl; die RICHTIGE Vorverurteilung muss stattfinden, indem man schneller postet als sein Schatten – oder eben die Trollschergen der BRD Gmbh.

Interessanterweise geht das aber Hand in Hand mit der Forderung andernorts doch bitte mal die ganze Härte des Gesetzes auszupacken. Das arme, alte Panzerbesitzer terrorisiert werden ist, nach dieser Logik, besonders schlimm, weil andere Gruppen zu WENIG terrorisiert werden. Welche das sind, kann man sich denken:

Panzer10

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Plötzlich soll der Staat nun doch wieder geltendes Recht durchsetzen, dann aber mal „so richtig“ und „ordentlich“. Weil das ja aber ohnehin nicht passieren wird, so die messerscharfe Analyse, wird das Problem gleich globaler gefasst: Panzer5

So schließt sich der Kreis zum bewaffneten Aufstand – nun allerdings schon deutlich allgemeinpolitischer fundiert; so schnell kann ein Thema große Zirkel schlagen, wenn nur genug Geisteskraft in den Ring geworfen wird. Und weil Facebook eben kein Thinktank ist, die große Revolution aber irgendwie nicht so diiiirekt vor der Tür zu stehen scheint, werden als Alternative ganz andere Ansätze vorgeschlagen:

Panzer6

Mit einem Mordaufruf gegen Politiker allgemein und die Kanzlerin im Speziellen findet diese Diskussion einen ihr angemessenen Höhe-, Tief-, End- und Schlusspunkt. Es ist schockierend, wie sehr dies in das große Bild von Staatsangst, Wissenschaftsskepsis, Verschwörungstheorien, Ausländerhass und dergleichen passt.

Aber es ist Sommer und wir wollen mit einer heiteren Note enden.

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Logisch. Und wir stehen dazu:

Panzer8

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„Muss man doch mal sagen dürfen“ funktioniert in zwei Richtungen – das Ende der sozialen Samthandschuhe?

Museen und Facebook sind ein schwieriges Thema. Für die allermeisten Museen ist die Welt der Social Media grundsätzlich bedrohlich, was meines Erachtens in vielen Fällen etwas damit zu tun hat, den eigenen Status als Autorität auf dem eigenen Fachgebiet potentiell in Frage gestellt zu sehen. Um diese Gefahr abzuwenden, versteckt man sich dann hinter Allgemeinplätzen, wie aufwändig und komplex Facebook-Nutzung als Institution sei, und dass man doch dafür Profis bräuchte, und wer hätte das Geld schon etc.

Ich halte das für einen grundfalschen Ansatz. Facebook ist ein mächtiges Werkzeug, dass auch für ein Haus mit kleinstem Stab enorme Möglichkeiten bietet: Zur Steuerung von Kommunikation, zum Community-building und zum Kennenlernen der eigenen Klientel.

Nun ist Facebook schon so kein leichtes Feld, und wenn man dann noch mit 50.000 Followern eine Feld wie deutsche Militärgeschichte bearbeitet, kommen da schon teils unglaubliche Postings zustande. Die sind teilweise so haarsträubend, dass man nicht weiß, ob man es mit ernsthaft kranken Aluhüten, randständigen Überzeugungstätern, schlichten Gemütern, Vollblutcholerikern oder professionellen Trollen zu tun hat.

Jahrelang haben wir im Umgang mit Postings, die normalen Menschen die Kinnlade runterklappen lassen, die übliche Strategie verfolgt: Sehr sachliches, stets höfliches Antworten in Gebetsmühlenmanier. Auf keinen Fall sollte die eigene Autorität und Souveränität dadurch angekratzt werden, dass man sich in die Niederungen der FlameWars mit Überzeugungstätern, Profitrollen oder Verrückten begibt. Dieser Schlamm, so die Idee, konnte einen nur beflecken und letztlich verschlucken, ohne dass etwas damit zu gewinnen sei.

Das war logisch. Aber es war weiß Gott schwer, sich immer und immer wieder zu beherrschen und zu bändigen; gerade wenn man wie ich im sozialen Stahlbad des frühen Internets virtuell groß geworden ist.

Das Resultat war wenigstens, dass die Logik gegriffen hat. Unser Ruf blieb unbefleckt.

Aber einerseits flogen uns durch diese kühl-distanzierte Art die Herzen (aka Likes) nicht gerade zu und zweitens zehrt so ein Grabenkrieg mit dem Wahnsinn auch an den Nerven der Mitarbeiter.

Und so war die beginnende Trendwende im Netz eine Wohltat. Erst die Welt, dann die Bundesregierung und einige andere folgten nun einer neuen Strategie: Souveränität und Autorität durch clevere und geistreiche Ironie. (Details: http://www.taz.de/!152266/) Davon ausgehend, dass man ab einem gewissen Punkt ohnehin gegen Wände argumentiert, kann man sich die Arbeit auch sparen und solche Postings lieber als Sprungbrett für witzige eigene Postings nutzen, die die User unterhalten, gleichzeitig Souveränität zeigen (das ist wichtig) und so in der breiten Masse der Nutzer einen positiven Außenwirkungseffekt haben.

Halb zog es mich, halb sank ich hin: Zum einen wollte ich sowas schon lange machen; zum anderen waren solche Gewährsinstitutionen eine gute Versicherung, es zu versuchen.

Es klappt. Gleich die erste flapsige Antwort begann, als Screenshot durchs Netz zu wandern, um schlussendlich dann an UNSERER Chronik von Usern gepostet zu werden.

Was man auf dem Bild noch nicht sieht: Es akkumulierten sich wirklich viele Likes; viel, viel mehr, als wir durch unsere ernsten Antworten bekommen hatte. Bei anderen Gelegenheiten zeigte sich das dann als stabiles Phänomen: Wo wir früher für lange, ernste Antworten vielleicht 10-15 Likes bekommen haben, erfahren wir nun Unterstützung bis hin zu 50 Likes.

So erfreute sich die ir0nische Bloßstellung eines unerträglichen Schreibstiles nicht nur einiger Beliebtheit bei anderen Usern; der Poster selbst fand es ganz witzig.

Ironie2

Ein anderer User hat sich bein einem Beitrag über Blockupy in Frankfurt dazu verstiegen, den Einsatz von Maschinenkanonen gegen die „Rüben des Packs“, also Gewalt gegen Menschen zu fordern, was von uns grundsätzlich nicht toleriert wird. Er änderte sein Posting in die untenstehende Version und dies wiederum mündete in einen Zensurvorwurf eines zweiten Users gegen uns, den man nur mit Aluhutlogik aufnehmen konnte. Aber das letzte Posting des ursprünglichen Users zeigt, dass Ironie nicht immer weiterhilft. (Die niedrigen Likezahlen erklären sich daraus, dass es eine späte Diskussion in einem Unterthread war.)

Ironei1

Grundsätzlich scheint ein deutlicher Tonfall ohnehin recht beliebt zu sein. Wir reden immer davon, dass Museum Ort der Diskussion und Foren des Meinungsaustausches sein sollten. Das muss mit einer klaren und ausdrücklichen Positionierung des Hauses beginnen. Es kann nicht sein, dass Museen Diskussionen anregen wollen, sich selbst aber hinter windelweichen Phrasen verstecken. Die User sehen das ähnlich. Als wir heute leider zwei Wochen zu spät zur Erinnerung an den 50. Jahrestags der Landung amerikanischer Bodentruppen in Vietnam ein Posting verfassten, ergab sich folgender Dialog:

Ironie3

Die neue Strategie ist ebenfalls anstrengend. Während sich der alte Ansatz durch Monotonie, aber große Einfachheit im Alltag auszeichnete, muss beim neuen Ansatz stets geprüft werden, ob a) eine flapsige Antwort wirklich angemessen ist (man will ja nicht rundum beleidigend wirken) und b) sich überlegen, wie sie witzig und unterhaltsam ausfällt (man will ja nicht grob wirken).

Wir werden sehen, wie das alles weitergeht. Spaß macht es jedenfalls.

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Aktueller Nachtrag: Mal sehen, wie dieses Kopf-an-Kopf-Like-Rennen ausgeht. 😀

Ironie 4

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Sonderausstellung kaput! Lernen durch Schmerzen und Rigips

Sonderausstellungen sind eine Zier für Museen. Sie beweisen die geistige Flexibilität des Hauses, sie belegen den Kontakt in die musealen Netzwerke und sie bieten den Besuchern Anregung und geistiges Futter, ganz besonders den Stammbesuchern. Sie ziehen im Idealfall sogar zusätzliches Publikum an und erhöhen die Medienpräsenz des jeweiligen Museums.

Und was mache ich? Ich arbeite momentan darauf hin, Sonderausstellungen im Panzermuseum abzuschaffen.

Das DPM hat eine schöne Tradition, was Sonderausstellungen angeht. Im letzten Jahrzehnt gab es eine ganze Reihe spannender Ausstellungen, die von naheliegenden und erwartbaren Themen („Das Maschinengewehr“, „Blitzkrieg 1940“) über scheinbare Randbereiche des Museumsthemas („Kriegsgefangenschaft“, „War Toys“, „Wehrmachtjustiz“) bis hin zu Themen, deren Verbindung zum Panzer man erst aktiv herbeidenken musste. (Pop-art-Gemälde, abstrakte Kunst, Fotografien zivilen Ungehorsams).

Es war spannend zu beobachten, wie die Besucher reagiert haben, wie sie rezipiert oder ignoriert haben, und wie sie gelegentlich diskutiert haben. Letzteres leider viel zu gelegentlich: Sogar Ausstellungen, die gezielt als Reizthemen konzipiert waren wie meine „Blitzkrieg“-Ausstellung, wurden kaum öffentlich diskutiert – von Diskussionsbedarf in Richtung des Museums ganz zu schweigen.

Insgesamt ist mein Verhältnis zu unserem Sonderausstellungsbetrieb daher etwas ambivalent: Einerseits finde ich die ganze Sache spannend und aufregend, andererseits hält aber ein ums andere Mal keine Ausstellung, was sie verspricht.

Sei dem, wie dem sei: Ich habe jetzt offiziell den Antrag gestellt, den Sonderausstellungsbetrieb zu beenden.

Nicht weil die Reaktionen mich enttäuschen. Nicht weil es Arbeit und gelegentlich auch wirklich Stress bedeutet. Nicht weil es Geld kostet.

Der Grund ist, dass dem Museum der Platz ausgeht. Die physischen Manifestationen unserer erfolgreichen Arbeit haben jede einzelne Nische, jeden Abstellplatz, jede Kammer volllaufen lassen. Weil wir mittlerweile zunehmend neues Material anschaffen können, aber auch müssen, um unsere Arbeit zu bewältigen(Besucherleitsystem, Beschilderung, Pavillone, zehntausende Flyer etc) und weil dem Shop immer größere Warenumschläge gelingen, sind alle ursprünglich geplanten Lagerkapazitäten vollgelaufen. Sogar der Praktikantenraum und die Nissenhütte sind mittlerweile Lagerhallen geworden, und es reicht immer noch nicht: Das Panzermuseum hat nicht null Quadratmeter Lagerfläche zur Verfügung, es ist bereits im negativen Bereich: Weil Werkzeuge unter Panzern versteckt und Kartons hinter Vitrinen versteckt werden müssen, sind wir mittlerweile im NEGATIVEN Bereich angekommen.

Das beklage ich nun schon im dritten Jahr, aber nichts passiert. Aber Worte sind Schall und Rauch und nichts ist langweiliger als das wiederholte Wort. Niemanden unserer Träger und Vorgesetzten hat diese Lage wirklich beeindruckt, scheint es. Warum auch; solange wir immer Lösungen gefunden haben, war ja alles okay.

Nun wird es also Zeit, durch Taten zu überzeugen.

Der Sonderausstellungsbereich soll, wenn ich mit meinen Ideen durchdringe, mit einer großen Rigipswand versiegelt werden. Die dahinter gewonnene Fläche soll als Lagerbereich für Shop, Museum und Haustechnik dienen.

So einfach ist das ™.

Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem die Infrastrukturen unseren Erfolg einschnüren und stagnieren lassen – in mehrfacher Hinsicht. Und das muss ich jetzt irgendwie an die Außenwelt kommunizieren. Hoffen wir, dass der Wegfall der Sonderausstellungen denjenigen unter den Entscheidungsträgern, die dem Kulturbetrieb nicht nur einem Lippenbekenntnis nach zugewandt sind, so wehtut, dass über konkrete Lösungen gesprochen werden kann.

Lasst das Verputzen beginnen.

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Guess who’s back, baby.

Nach ca. einem halben Jahr Pause geht nun das Bloggen wieder los. Warum gerade jetzt?

In der Zeit seit April war meine Arbeitswelt vor allem von zeitkritischem Alltagsgeschäft geprägt. Das war keineswegs langweilig, sondern stellenweise ganz spannend, denn in diese Kategorie fällt beispielsweise die Organisation von Stahl auf der Heide. Dieses Event war ein großer Erfolg, sowohl quantitativ (12.500+ Besucher) als auch qualitativ. Aber derlei Arbeit läßt nur wenig Zeit für Reflexionen und bietet noch weniger Anstöße für solche.

Hier also als Nachtrag für die ganze Zeit zusammenfassend ein kleines Video, das über Stahl auf der Heide und das Haus allgemein gemacht wurde:

Wer sich wundert, dass ich da so gerupft aussehe: Das Ding wurde nach 10h Event einfach mal zwischen Tür und Angel gedreht.

Ich habe den vergangenen Monaten auch inhaltlich gearbeitet, aber der Tritt der Arbeitsmühle war auch dabei das dominantere Element. So wurden zwei Ausstellungsteile entwickelt (einer fertig, einer in Produktion momentan), aber bei beiden war wieder die Hektik um die Vollendung prägend. Also keine Textergüsse, aber demnächst werde ich nachholend etwas dazu schreiben. Jetzt sieht die Sache anders aus. Die Hochzeit der Saison ist vorbei und langsam ergibt sich wieder Raum für inhaltliches Arbeiten – wenn auch viel weniger als eigentlich nötig, aber das ist ein anderes Thema. Kurz gesagt: Ich habe jetzt erst wieder das Gefühl, etwas zu sagen zu haben. In den nächsten Monaten stehen fünf Projekte an, die ich bloggend begleiten will, um meine Gedanken damit zu ordnen und konstruktives Feedback on the fly zu erhalten.

Projekt 1: Vertiefungsbereich Kursk
Der Vertiefungsbereich zur Operation Zitadelle ist mittlerweile etliche Jahre alt und die Forschung schreitet zügig voran. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, ein Konzept für eine mögliche Modernisierung dieses Bereiches zu schreiben. Zwar gibt es weder einen Beschluss dafür noch Mittel aus irgendeinem Topf, aber irgendwo muss man ja mal anfangen. Also lesen, lesen, lesen, Grobkonzept schreiben, vorstellen, diskutieren – und dann schauen, ob man die Träger und Förderer gewinnen kann.

Projekt 2: Museumsbuch
Der alte Museumsführer war Katalog und Museumsbuch in einem. Das wollte ich aufspalten und den Katalogteil haben wir auch schon neu gefasst und der verkauft sich prima. Allerdings mehren sich nun die Anfragen, wann denn der zweite Teil, also das Museumsbuch, nun nachgeliefert wird. Also mal eben ein Buch schreiben.

Projekt 3: Konzeptentwicklung
Mit nur 7 Monaten Verspätung mach ich mich an die Weiterentwicklung des Umbaukonzepts…

Projekt 4: Theorieentwicklung Gewaltbilder
Ein spannendes Projekt, bei dem es um nicht weniger geht, als die Sichtweise der deutschen Museen auf die Nutzungsmöglichkeiten drastischer Gewaltbilder grundlegend zu verändern. Da will ich jetzt nicht vorgreifen; eventuell halte ich da auch einfach dicht, bis es durchdacht ist.

Projekt 5: Videointerviews mit Veteranen
Das Projekt steht schon seit 3 Jahren auf dem Plan, nun wird es Wirklichkeit: Wir wollen Afghanistan-Veteranen zu Wort kommen lassen und neben Oral-History-Interviews fürs Archiv auch Medienstationen für die Ausstellung herstellen.

 Das ist so der Fahrplan für’s nächste Jahr. Dazu kommt das Tagesgeschäft. Oh my. 😀

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So nicht, Kollege! Also zumindest nicht hier. Und nicht jetzt.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Museen stille Tempel, die ihr Angebot nur an eine ausgewählte Schicht gebildeter Bürger adressierten. Ohne das noch rare Reifezeugnis brauchte man die Hallen überhaupt nicht zu betreten; wollte es auch gar nicht, weil der Tempel keine Angebote machte, sondern Verachtung spüren ließ. Der Wandel des Museums zum Ziel der Massen ist jung: Erst seit den 1970ern gilt das, was uns heute als selbstverständlich erscheint: Dass ein Museum offen sein muss, verständlich sein muss, zugänglich sein muss, kontrovers sein muss.

Und doch stehen diese seltsamen Hybridinstitutionen, die gleichzeitig Bildung und Unterhaltung bedienen müssen, oft seltsam ratlos in der Gegend herum. Denn mit der Öffnung an die Massen einerseits und mit dem Schwinden öffentlicher Mittel andererseits, sind Museen im Zugzwang, zumindest in Teilen ihre Kosten wieder zu erwirtschaften – und das geht massiv eigentlich nur über die Unterhaltungsschiene. Gleichzeitig können sie aber wirklich nicht mit einer mcdonaldisierten Unterhaltungsindustire konkurrieren, weil sie ja immer noch Bildungsorte sind, die sich an lästige Dinge wie Forschungsstände und dergleichen halten müssen.

Was tun?

In der Museumswelt geht der Trend zur Eventisierung. Große Veranstaltungen sollen Besuchermassen punktuell locken, so dass die Jahresbilanz gut aussieht, ohne dass die Dauerausstellung kompromittiert ist. Ein netter Versuch, aber auf Dauer hilft das nicht weiter. Da ich momentan die gesamte Dauerausstellung des Panzermuseums überarbeite und damit nicht weniger tue, als den Kurs für den wichtigsten Wirtschaftsfaktor in dieser Region für die nächste Dekade vorzuschlagen und bei Annahme somit über sein Gedeih und Verderb zu entscheiden, stehe ich genau vor diesen Entscheidungen. Und in Momenten der Entscheidungen stellt sich der Weise Mann auf die Schulter von Giganten oder zumindest von Leuten, die erst (hoffentlich) gedacht haben und dann publizieren durften. Dabei traf ich dann auf folgenden Gedankengang Bernd Holtwicks:

„So wie „Marketing“ in der Betriebswirtschaft bedeutet, das Unternehmen vom Absatz her zu betrachten, bedeutet es in der Museologie, das Museum von den Besuchern her zu definieren.“*

Ein evidenter Ansatz, wenn man, wie der Autor es tat, von historischen Museen und Freilichtmuseen her kommt und denkt. Eine gefährliche Falle, wenn man ein Panzermuseum betreibt. Denn im gleichen Aufsatz sagt der Autor folgendes:

„Die Ergebnisse herkömmlicher Besucherbefragungen eigenen sich offensichtlich nicht als Grundlage einer sinnvollen Handlungsstrategie.“**

Auch wenn diese Aussage in ihrer Absolutheit schwierig ist, hat sie einiges für sich. (Der Autor führt das natürlich differenzierter aus.) Wenn man sie aber mit der ersten Aussage verknüpft, hat ein Panzermuseum ein Problem. Denn das Resultat wäre, die tatsächlich unscharfen und angreifbaren Ergebnisse der Umfrage zu ignorieren und damit den sich langsam im Nebel der Besucherforschung formenden, aber eben noch stummen „Normalbesucher“ mit breitem, historischem Interesse links liegen zu lassen. Stattdessen müsste man in dieser Logik auf die hören, die am lautesten sind. Und diese Gruppe ist in ihren Wünschen und Ansichten dank Social Media und Tagesgeschäft leicht zu definieren und (und das macht die Falle noch gefährlicher) wäre sehr leicht zu befriedigen.

Das Museum müsste einfach nur eine Halle des Heroismus, der Waffenverehrung und des Männlichkeitskultes werden, und die Wiese wäre grün. Es müsste nur die Formsprache der Kriegsausstellungen des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufleben lassen, gepaart einer ordentlichen Kelle Patriotismus oder Nationalismus, ergänzt mit einer ordentlichen Dosis Wehrmachtsglorifizierung for good measure. Zudem müsste immer alles rollen, knattern und knallen. Die Kundenorientierung würde ein Verbannen aller „weichen Perspektiven“ gebieten und binnen weniger Wochen hätten wir ein Museum gebaut, das so sehr an den Wünschen dieser Besuchergruppe orientiert ist, dass sie hier vermutlich einziehen würde.

Genau hier ist der Punkt gekommen, an dem die akademische Arroganz der Prä-70er doch wieder eingreifen muss. Ein Disneyland mit Panzerfahren wird das Museum nicht werden. Das Panzermuseum muss seine Besucherbefragungen ernst nehmen und den stummen, aber zahlenmäßig überwältigenden Normalbesucher in den Blick nehmen und ihn mit einem Angebot bedienen, dass allen Standards der Museologie entspricht. Muss facettenreich und multiperspektivisch arbeiten, muss diskurs- und deutungsoffen sein, ein wandelbares und modernes Forum sein.

Das bedeutet Widersprüche, Streit, Zank, Schmerz und Brüche. Aber das tut Wandel meistens. Das Panzermuseum muss den Weg zur museologischen Qualität gehen. Dies widerspricht nur SCHEINBAR den Besucherwünschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich das Museum nach seiner Reform am Markt noch besser, noch erfolgreicher etablieren kann, weil es dann die Wünsche von wesentlich mehr Besuchern erfüllt – die bisher nur noch kaum formuliert werden.

Damit widerspreche ich auch der dritten Kernaussage aus dem Artikel:

„Es wird hier grundsätzlich bezweifelt, dass die museums- und ausstellungstheoretischen Diskussionen einen ernsthaften Beitrag zum (Besucher-)Erfolg der historischen Museen leisten oder geleistet haben, zumal es den Protagonisten der Debatte darum wohl auch gar nicht geht. Ob eine Ausstellung „gut ankommt“ liegt nicht daran, ob sie auf dem neusten Stand der museologischen Debatte ist.“ ***

Die museologische Qualität ist sicher nicht das alleinentscheidende Merkmal; sie ist nicht hinreichend für den Erfolg einer Ausstellung, das ist richtig. Aber sie bleibt notwendig!

* Holtwick, Bernd: „Schaulust und andere niedere Beweggründe. Was lockt Menschen in historische Museen? Oder: Wann machen Museen Spaß?“, in: Hartung, Olaf, Köhr, Katja (Hg.), Geschichte und Geschichtsvermittlung. Festschrift für Karl Heinrich Pohl, Bielefeld 2008, S. 184-198. S.197.

** ebd. S.187.

*** ebd. S.185.

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